CoVID-19 legt gerade nicht nur das öffentliche Leben lahm und stellt uns alle vor viele Herausforderungen, wie wir unseren Alltag neu gestalten und meistern können – seien es Banalitäten wie das Einkaufen oder auch trotz Home Office und Social Distancing die Freude und Motivation an Arbeit bzw. Studium zu wahren. Auch Vereine und Initiativen wie wir, das Netzwerk Nachhaltigkeit, sind in ihrer Handlungsfähigkeit deutlich eingeschränkt, da ein Großteil unseres Engagements offline und präsent stattfindet und unsere geplante zweite Nachhaltigkeitswoche für das Sommersemester 2020 abgesagt werden musste.

Es liegt gerade mehr denn je am bzw. an der Einzelnen, die Krise nicht nur passiv zu erleben, sondern sich trotzdem aktiv einzubringen. Der Klimawandel schreitet weiterhin voran und kann nicht durch eine temporäre Stagnation der Mobilität und der Industrie aufgehalten werden. Doch beim persönlichen Engagement geht es nicht nur um rein ökologische Gesichtspunkte. Auch andere Missstände, Ungleichheiten und Notwendigkeiten dürfen nicht aus dem Blick geraten. Aktuell gibt es viele Möglichkeiten, sich aktiv einzubringen: seien es Spenden, die Unterstützung von lokalem Kleingewerbe, die Teilnahme an Online-Meetings von ehrenamtlichen Gruppen oder das Einbringen in die (Hochschul-)Politik. Auch im Privaten ist jetzt eine gute Zeit, die eigenen Lebensgewohnheiten zu hinterfragen, neue vegetarische/vegane Rezepte auszuprobieren, weniger Netflix zu streamen (und stattdessen zu lesen) oder unverpackt einkaufen.

Jede*r hat in den letzten Jahren viel zum Klimaschutz gehört, daher sollen hier keine neuen, wachrüttelnden Fakten genannt werden. Es handelt sich vielmehr um ein Umsetzungsproblem statt um eine Frage des Wissens. Ein Grund (von vielen) dafür liegt in unserer Natur: Menschen sind zu einem großen Teil irrationale Wesen, auch wenn wir uns das zu selten eingestehen. Die Psychologie versucht dieses Verhalten zu erklären; der Laie hingegen kennt Beispiele im Alltag, doch meistens haben solche unvernünftigen Denkmuster oder Verhaltensweisen keine schwerwiegenden Folgen. Wir reden uns häufig aus einer Veränderung dieser Gewohnheiten heraus: „Wir sind ja nur Menschen“ scheint eine probate Ausrede zu sein, business as usual zu betreiben und Veränderungen von Gewohnheiten – im Alltag wie auch grundlegend in Wirtschaft, Unternehmen oder Hochschulen – aufzuschieben. Es spricht zwar nichts gegen das Akzeptieren eigener Fehler, doch gerade in Krisenzeiten ist eine Hingabe zur Irrationalität im großen Stil fatal.

Es ist klar, dass eine komplexe Thematik nicht monokausal erklärt werden kann. Es gibt nicht die eine Ursache und das Wundermittel, um plötzlich weltweit emissionsneutral zu sein. Einen Grund wollen wir hier kurz erläutern, der für unsere alltägliche, gefühlte Ohnmacht, die uns davon abhält, schlechte Gewohnheiten zu ändern, liegt: Das ARAS (aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem) unseres Gehirns. Das ARAS sorgt u.a. dafür, dass wir nur denken und wahrnehmen können, was uns gerade relevant erscheint und es verstärkt die Aktivität selektiv in bestimmten Hirnarealen. Bei Angst, Aufgaben, Stressoren oder Ähnlichem werden nur Bruchteile unserer Wahrnehmung in unser Bewusstsein gelangen, die zu dem Thema (beispielsweise der Angst in der Krise) passen und damit die Emotion (leider) weiterhin befeuern. Wem das noch zu abstrakt ist, der oder die darf sich gern mit dem Clip „The Monkey Business Illusion“ von Daniel Simons (https://www.youtube.com/watch?v=IGQmdoK_ZfY) einem kleinen mentalen Selbstexperiment unterziehen.

Ursprünglich war das ARAS (und weitere ähnliche Mechanismen unseres Gehirns, die nicht über Rationalität / Bewusstsein steuerbar sind) dazu da, uns aus gefährlichen Situationen zu manövrieren und die Ursache der Angst zu bewältigen. Doch unser aktuelles Leben mit den damit verbundenen Aufgaben ist zu abstrakt, um komplexe Gefahren wie Pandemien, Kriege oder Klimakrisen einfach so zu bewältigen. Unser Gehirn, das sich evolutionär seit der Steinzeit nicht mehr viel weiterentwickelt, ist den im Gegensatz dazu stark veränderten Lebensbedingungen in rationaler Weise nicht gewappnet.

Ziehen wir also den Bogen zur aktuellen Situation: Wir richten oft den Blick auf das, was wir nicht ändern können: die Gefährlichkeit des Virus, die Angst um sich selbst oder um ältere oder chronisch kranke Freund*innen und Verwandte, das unabsehbare Ende der Krise und die katastrophalen wirtschaftlichen Folgen. Das ARAS befeuert diese selektive Wahrnehmung, die v.a. durch die Medien stimuliert wird. Dabei verfällt man schnell in eine Handlungsapathie und -unfähigkeit, anstatt nach Lösungen oder Handlungsansätzen zu suchen.

Wir Menschen sind faktisch dazu veranlagt, aktuelle Risiken höher zu gewichten und zukünftige Risiken zu unterschätzen. Die Corona-Pandemie ist definitiv eine weitreichende und schwerwiegende Krise mit katastrophalen Folgen für viele Bereiche unserer Gesellschaft und unseres Lebens. Doch wenn es um den Klimawandel geht, bleiben viele von uns gelassen und brechen nicht wie derzeit in Panik bzw. in politischen Aktionismus aus. Doch ohne die Coronakrise zu bagatellisieren, muss an dieser Stelle gesagt werden: In 30 Jahren werden wir mit weltweiten, viel länger andauernden wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Problemen zu tun haben. Es werden nicht mehr genug Ressourcen zur Verfügung stehen und wir werden das Emissionsbudget einer atmosphärischen C02-Konzentration von weit 450 ppm überschritten haben. Die Klimakrise in ihren negativen Auswirkungen wird selbst eine solch kritische Situation wie die aktuelle Corona-Pandemie um ein Vielfaches übersteigen.

Der März und der April waren dieses Jahr außergewöhnlich heißt und trocken, wodurch bereits jetzt mit Ernteausfällen gerechnet werden muss. Und kann man beim letzten Winter überhaupt von einem richtigen Winter sprechen? Die Wetterextreme und die klimatische Erwärmung werden jedes Jahr mehr und stärker werden, wenn wir weiterhin leben und konsumieren wie bisher. Jetzt, da wir um unsere selektive Wahrnehmung durch das ARAS wissen, können wir bewusst unseren Fokus lenken und die Tatkraft, mit der wir gerade alle an der Verhinderung der Ausbreitung des Coronavirus zusammenarbeiten, auch für unsere gemeinsame Zukunft an den Tag legen. Denn ist es nicht viel sinnvoller vorzubeugen, als erst mit dem Handeln zu beginnen, wenn wir schon mitten in der Krise stecken?

Anders als bei CoVID-19 kennen wir den Impfstoff, der den Klimawandel aufhalten kann. Jetzt geht es um unsere Lernbereitschaft aus der einen Krise für die nächste – statt in alte Handlungsmuster zu verfallen, sollten wir uns fragen: welche Lehren ziehen wir aus der Coronakrise für unsere zukünftigen politischen, wirtschaftlichen oder auch persönlichen Entscheidungen? Der Neuaufbau und die Maßnahmen, die gesamtgesellschaftlich ergriffen werden (v.a. auch unter ökonomischen Gesichtspunkten, da weltweit die Höhe an Hilfspaketen historisch einmalig ist), um die Schäden und Folgen dieser Krise zu bewältigen, müssen unbedingt mit Forderungen zum Klimaschutz verbunden werden, um nicht direkt in die nächste Krise zu steuern.

Hochschulen und Universitäten – in ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als Multiplikatoren der Werte von morgen – können ebenso aus der aktuellen Krise lernen und sich aktiv an der bestmöglichen Eindämmung der kommenden Klimakrise beteiligen. Das muss auf zwei Ebenen geschehen: zum einen können wir uns jetzt schon darum bemühen, den CO2-Fußabdruck an der Hochschule und Universität zu verringern. Zum anderen muss auch den Studierenden BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) nähergebracht werden, sei es durch eine Anpassung der Lehrveranstaltungen oder des außercurricularen Angebots. Bei der Umsetzung solcher Ziele kann vor allem ein Green Office helfen, das als Schnittstelle zwischen der Verwaltung, dem Betrieb, der Forschung und der Lehre agiert und damit effektive Maßnahmen zur Etablierung einer ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit ergreifen kann.

Leider – aber verständlicherweise – sind die Bestrebungen um die Etablierung eines solchen Green Offices an der Hochschule durch die Coronakrise und den dadurch notwendigen akuten Handlungsbedarf zurückgetreten. Doch jetzt, da sich die Lage langsam entspannt, plädieren wir dafür, die Arbeit an einem Green Office wieder aufzunehmen, um sich zukunftsorientiert und verantwortungsvoll der bevorstehenden Klimakrise zu stellen und diese nicht solange zu ignorieren, bis wir die Folgen noch deutlicher zu spüren bekommen.

Doch auch in jedem und jeder Einzelnen von uns liegt die Verantwortung, sich nun nach Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus nicht durch kompensierenden Konsum zu betäuben, sondern nachzudenken: sind unsere derzeitigen Wirtschafts- und Lebensformen zukunftsfähig? Wie kann ich im Kleinen meine selektive Wahrnehmung und meine Ohnmacht überwinden und den Blick über den Tellerrand wagen? Wir als Netzwerk Nachhaltigkeit bieten u.a. mit unserer derzeit laufenden Social-Media-Aktion und zweiwöchigen Webinaren auf Zoom einen Anhaltspunkt für das persönliche Engagement. In Themenwochen informieren wir, wie wir in unseren vielschichten Lebensbereichen nachhaltiger und bewusster leben und konsumieren können – sei es durch den Kauf von gebrauchter oder zertifizierter Kleidung, durch den Eigenanbau von Gemüse, durch den bewussten und unverpackten Einkauf saisonaler Ware oder das Minimieren unseres CO2-Fußabdruckes, der durch unsere Internetnutzung entsteht. Jetzt können wir das Ruder noch herumreißen!

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